Freitag, 9. Oktober 2015

Outback Stations, Teil 2

Wie Fleisch und Wolle zu den Märkten kommen • Warum der Road Train die Industrie veränderte • Was eine Station ihren Mitarbeitern heute bieten muss • Wo Pferde und Hunde immer noch eingesetzt werden  • Was ein Bore-Runner tut.

Im Teil 1 habe ich beschrieben, wie im 19. Jahrhundert in Australien der Boden (crown land, weil er ja der britischen Krone “gehörte”) von den Kolonien verteilt oder von Pionieren abgesteckt und dann genutzt wurde. (Eine ausgezeichnete Erzählung des Pionierlebens im NT um 1900 ist das Buch We of the Never-Never von Aeneas Gunn (auch als Hörbuch verfügbar), das später als lose Vorlage für den Outback-Kitsch-Film Australia diente.) Anfängliche riesige Flächen wurden in späteren Landreformen aufgeteilt, damit mehr Siedler darauf ein Auskommen finden konnten.

Nambung Station aus Luft

Mit dem Erwerb einer Station, dem bestocken mit Kühen oder Schafen und mit deren Aufzucht war es aber noch nicht getan. Die Früchte der Arbeit mussten zuerst an die Märkte gebracht und dort verkauft werden, bevor wieder Geld hereinkam. Schlachtreife Rinder wurden zunächst buchstäblich querfeldein bis zu 1'000 oder 2'000 km zu den Städten, Goldgräberstätten oder Häfen getrieben. Das konnte mehrere Monate dauern, denn erstens gab es kaum Wege, und zweitens musste die Route (stock route) von Wasserstelle zu Wasserstelle führen, die 20 km oder höchstens 50 km auseinander lagen (siehe diesen Eintrag von 2010). Dürren oder Fluten liessen im Outback ganze Herden stranden oder umkommen. Später wurden Eisenbahnlinien gebaut, um Märkte für Rinder und Wolle zu erschliessen. Schafe mussten geschoren und ihre Wolle musste abtransportiert werden. Das geschah mit Pferde- oder Ochsengespannen, mit Schiffen und später eben mit der Eisenbahn.

Derby war ein wichtiger Hafen für den Export der Rinder aus dem Nordwesten

Ab den 1940er-Jahren wurde immer mehr Vieh und Wolle mit Road Trains verschoben, was mehr Flexibilität bedeutete, aber auch bessere Strassen — oder überhaupt Strassen — erforderte. Die Nachfrage nach Fleisch und Wolle schwankte, die Preise fluktuierten stark und konnten ein Vermögen oder den Ruin bedeuten (boom or bust).


Bereits vor 1900 erkannten geschäftstüchtige Station-Besitzer, dass es sich lohnte, eine Anzahl von Stations entlang den strategischen stock routes zu besitzen, weil sie dadurch Dürren und Regenzeiten ausweichen oder die Tiere sozusagen auf eigenem Land an die Märkte führen konnte. Heute operieren Firmen wie AACo oder S. Kidman&Co (siehe Teil 1) genau so: Kühe werden im Norden Australiens gehalten, wo auch die Kälber geboren werden. Später werden die Kälber von der Mutter getrennt und zu Stations in den fruchtbaren Grasebenen weiter im Süden transportiert, wo sie in kurzer Zeit viel Gewicht zulegen. Dann werden sie entweder in feedlots (Mastbetriebe) verbracht, wo sie mit Weizen, Mais oder Kraftfutter auf Schlachtgewicht gebracht werden. Oder wie werden als live exports nach Asien verschoben, wobei gewisse Länder ein maximales Lebendgewicht von 350 kg vorschreiben, damit die Tiere im Land selbst fertig gemästet werden können. Jedes Rind hat heute eine Ohrmarke, die berührungsfrei gescannt werden kann, und einen Eintrag in einer Datenbank. Dort sind alle Stationen des Tiers dokumentiert, alle Impfungen, Transporte, Verkäufe, etc.

Beim drafting werden Rinder nach Gewicht, Geschlecht, etc. getrennt in Gatter separiert, danach einzeln behandelt. Im blauen Käfig (cradle) werden sie gewogen, geimpft, mit Hormonen behandelt, kastriert, gebrandmarkt, etc.

In QLD sind Brandmarken trotz elektronischer Ohrmarke immer noch Vorschrift

So werden zu jeder Zeit viele Road Trains voll Rinder durch Australien gefahren. Die Tiere dürfen maximal 12 Stunden auf einem Road Train sein, dann müssen sie abgeladen, gewässert und geruht werden. Wenn die Tiere von den Stations nicht schon im Rahmen eines Vertrags (z.B. für einen Supermarktkette im Land oder für einen Exporteur) aufgezogen werden, dann werden sie später über einen saleyard (Viehmarkt) verkauft. In Roma, QLD, hatten wir Gelegenheit, den grössten solchen Viehmarkt in Australien zu besuchen. Pro Tag werden dort bis zu 13’000 Rinder gehandelt. Jedes Gatter im Viehmarkt entspricht einem Boden eines Road Trains, und typischerweise werden alle Rinder eines Gatter als Ganzes versteigert. Und das geht so:

Der Auktionär (zweiter von Rechts) repetiert wie ein Maschinengewehr den aktuell gebotenen Preis. Seine beiden Helfer schauen auf die Bieter, die ihre Gebote durch das Heben eines Fingers, durch Nicken, etc. erhöhen, wobei der Preisschritt vorgegeben ist. Mit der Bürste (sie ist in gelbe Farbe getunkt), werden Rinder markiert, die der Bieter aus seinem Kauf ausgeschlossen haben will


Nun aber zurück zu den grossen Stations, die man ja eben nicht so leicht besuchen kann. Zum Glück gibt es Leute wie Ewan McHugh, ein australischer Autor und Historiker, der über das Leben im Outback schreibt. 2011 hat sich Ewan vorgenommen, alle Stations mit mehr als 1 Mio. Hektaren (10’000 km2) zu besuchen — ein Plan, den er bald wieder verwarf, weil es in Australien zu viele davon gibt. So wählte er zehn der grössten Stations aus und verbrachte 2012 damit, diese Stations zu besuchen und ein Buch darüber zu schreiben: Outback Stations (auch als Hörbuch verfügbar). Die wirklich grossen Stations liegen natürlich dort, wo das Land für sonst nichts zu gebrauchen ist: im Outback. Es ist nicht ungewöhnlich, dass es von einer Station bis zum nächsten richtigen Supermarkt 8 Stunden Autofahrt sind.

Jetzt, wo wie die Geografie dieses riesigen Landes etwas besser kennen, können wir uns jeweils ziemlich gut vorstellen, wie es auf dieser oder jener der zehn Stations aussieht; einige haben wir passiert oder waren gar auf ihrem Land unterwegs.

Mitchell-Grass hat einen sehr hohen Nährwert und stellt sozusagen einen trockenen Heuhaufen dar

Die Zahlen sind in Ewans Buch sind gewaltig: um etwas konkreter zu veranschaulichen, wie so eine Station funktioniert, habe ich zwei ausgewählt.

Headingly Station, NT

10’332 km2 (also ca. 100 km x 100 km), ca. 50’000 Kühe und Rinder. Auf Headingly werden Kälber gezüchtet, die später auf andere Stations des Besitzers AACo verschoben und dort gemästet werden (2008: 47’000 Kälber). AACo ist seit 1824 im Geschäft.

Auf Headingly arbeiten 18 Personen: 1 Manager, 6 Stockmen (“cowboys” resp. “cowgirls”), 1 Obercowboy, 1 Road-Train-Fahrer, 1 Pilot, 1 Grader-Fahrer, 1 Mechaniker, 2 Bore-Runners, 1 Koch, 1 Gärtner, 1 Buchhalter, 1 Handyman. Bis in die 1950er-Jahre waren noch weit über 100 Personen beschäftigt, weil die Rinder zu Pferd zusammengetrieben (mustering) und verschoben (droving) wurden, viele davon Aborigines. Der Road-Train-Fahrer hat 2011 134’000 km gefahren, das meiste davon auf der Station selbst. Mit dem Grader werden die Pisten wiederhergestellt, z.B. nach Regenfällen. Die Bore-Runners sind dafür verantwortlich, dass die über 50 bores (Grundwasserpumpen) richtig laufen, weil sonst das Vieh durstig ist und weniger schnell Gewicht zulegt. Der Handyman ist einer, der die Kleinarbeiten verrichtet, z.B. Zeug flickt.

Reicht das Gras nicht, muss mit Heuballen überbrückt werden

Ein turkey's nest dam: mit dem Bagger wird ein See gegraben und die Erde ringförmig als Wall aufgeschüttet. Das Grundwasser (bis 1500 m tief) wird mit einer windbetriebenen mechan. Pumpe an die Oberfläche gefördert. Heute sind viele Pumpen elektrisch und werden von Solarpanels versorgt.

Commonwealth Hill Station, SA

10’000 km2, 50’000 bis 60’000 Schafe (es waren auch schon einmal 100’000, doch das übernutzte das Land). Limitierender Faktor ist das Wasser nicht das Futter für die Tiere. Das Wasser ist zum Teil gepumptes Grundwasser, zum Teil gestautes Regenwasser.

Die Station ist in 160 Weiden (paddocks) aufgeteilt, die im Schnitt 80 km2 gross sind (ein Kreis mit Radius 4.5 km). Jede Weide hat Wasserstellen für die Schafe. Die Station hat insgesamt 20’000 km interne Zäune, von denen jeder Kilometer $1500 kostet. Pro Jahr werden 5’000 bis 6’000 Schafe und 1’400 Ballen Wolle verkauft (1 Ballen wiegt knapp 200 kg, macht 280 Tonnen Wolle).

Dingos sind ein grosses Problem: drei Dingos rissen inner weniger Wochen 1400 Lämmer. Im Norden der Station gibt es den Dingo Fence, der alle drei Wochen vom Dogger patrouilliert und repariert wird; dafür ist er jeweils eine ganze Woche unterwegs. Wilde Kamele drücken den Zaun ein, Füchse graben unten durch, sodass die Dingos Durchlass finden.


Dingo-Spuren in nassen Boden

Dingo Fence in SA



Eine Station besteht im Wesentlichen aus viel Land, Mitarbeitern, Tieren, Zäunen, Brunnen, Tanks, Leitungen, Pumpen, Fahrzeugen und dem Hof. Der Hof besteht aus einem Einfamilienhaus für den Manager — typisch australisch und eingeschossig —, Unterkünften für das Personal, Garten, Wassertanks, Treibstofftank und mehreren sheds (Halle, Schopf oder Unterstand, meist aus Wellblech), allenfalls einer Landepiste. Und irgendwo gibt es noch ein Areal mit alten Fahrzeugen, Maschinen, Geräten, etc.; diese werden typischerweise nie entsorgt, denn sie funktionieren als Ersatzteillager, auch wenn bereits alle eines Typs auf Halde stehen. Diese Mentalität ist verständlich, wenn es viele Tage bis Wochen dauert, bis ein Ersatzteil eintrifft. So hat jede Station auch eine eigene Werkstatt, wo Reifenreparaturen, Schweissarbeiten, Fahrzeugservice, etc. ausgeführt werden können.


Auf Stations werden auch heute noch Pferde und Hunde eingesetzt, um das Vieh zu treiben. Der Grossteil der Mitarbeiter sitzt aber auf Motocross-Maschinen, Quads, in 4x4-Fahrzeugen oder gar im Flugzeug und Helikopter. Jeder Angestellte abseits des Hofs ist per Funk erreichbar, auch aus Sicherheitsgründen. Es werden mehrmals täglich Standortmeldungen gemacht.



Die Stations sind heute ziemlich effizient organisiert und ständig auf der Suche nach gutem Personal. Um für qualifizierte Leute attraktiv zu sein und um sie auch halten zu können, sind qualitativ gutes Essen, komfortable Unterkünfte, ein gutes Betriebsklima und ein schneller Internetanschluss unabdingbar. Oft sind Leute mit Hochschulabschluss darunter, denn Stockmanagement und -planung werden heute nicht mehr auf gut Glück gemacht, sondern mit komplexen Modellen, welche Niederschlagsmengen, Bodenqualität, Viehrasse, etc. einbeziehen, um sicherzustellen, dass Futter und Wasser ausgenutzt aber nicht übernutzt werden. Die Mitarbeiter sind typischerweise jung, entweder Australier oder ausländische Backpackers, die einmal etwas anderes erleben wollen. Viele bleiben "hängen". Die Arbeitstage sind lang, aber der Lifestyle sei einer der Hauptmotivationen, auf Outback Stations zu leben und zu arbeiten.

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